Die Klarwelt der Seligen

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Einer der wichtigsten Paradiesentwürfe des frühen 20. Jahrhunderts, geschaffen von Elisàr von Kupffer.

In seiner Autobiographie schreibt der Künstler, er habe schon im Alter von sechs Jahren die Inspiration dazu gehabt. Und er habe sich im Traum sitzend auf einer Riesennymphea gesehen. Das ist ein implizierter Hinweis auf Buddhas Geburt als Religionsstifter, in dessen Fussstapfen er sich selbst sieht als Prophet und Religions­stifter des Erosglaubens, den er Klarismus nennt. Ab 1920 finden sich in den literarischen Zeugnissen von ihm und von Eduard von Mayer Hinweise auf die Realisierung der «Klarwelt der Seligen», des «Parthenonfrieses des Erosglaubens».

Zuerst hingen die Leinwände in Einzelteilen in ihrer neu erbauten Villa in Minusio. Später wurde die Villa ergänzt mit einer Rotunde, sie wurde zum «Sanctuarium Artis Elisarion», worin die «Klarwelt der Seligen» ihren gebührenden Platz erhielt. Das Rundbild zeigt 84 nackte männliche Figuren in 33 Szenen in paradiesischer Umgebung.

Das Rundbild wurde von 2019 bis 2022 restauriert und ist auf dem Monte Verità in seiner Spiritualität und Aura wieder erlebbar wie einst im
 «Sanctuarium Artis Elisarion» in Minusio.

 
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Das Sanctuarium Artis Elisarion in Minusio

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Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer lebten lange Zeit in Florenz. Infolge zunehmender Deutschfeindlichkeit nach Ausbruch des 1. Weltkrieges übersiedelten die beiden 1915 in die Schweiz, wo sie in Muralto bei Locarno Wohnsitz nahmen. 1922 erhielten sie das Schweizer Bürgerrecht.

1925 erwarben sie in Minusio ein Grundstück, auf dem sie ein Museum mit den Werken von Elisarion planten. Dazu wurde der Verein «Elisariongesellschaft» gegründet, sowie an einer Gemeindeversammlung die Baubewilligung erteilt und ein Schenkungsvertrag akzeptiert. Das zukünftige Museum, respektive klaristische Kulturzentrum, sollte nach ihrem Tod in den Besitz der Öffentlichkeit übergeben werden.

Was nun folgt, ist ein sich über Jahre hinziehendes Gezänk um die Modalitäten des Schen­kungsvertrages. Das Gebäude wird aus finanziellen Gründen auch für Wohnzwecke genutzt und wandelt sich immer mehr zu einer Wallfahrtsstätte des Klarismus. Mit dem Bau der Rotunde, unterstützt von der Eigenossenschaft und dem Kanton Tessin im Rahmen einer Arbeits­­beschaf­fungs­mass­nahme kann der Annex-Bau, die Rotunde, 1939 errichtet werden.

 
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Der Klarismus – ein neues Weltbild

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Im späten 19. und im frühen 20. Jahrhundert bildeten sich als Reaktion auf die neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften, die nicht den Erzählungen der Bibel entsprechen, auf den Zusammen­bruch politischer Systeme und die Distanzierung von den institutionellen Kirchen zahlreiche neureligiöse oder «wissenschafts­religiöse» Theorien. Diese fanden vor allem in Teilen des deutsch- und englischsprachigen Bürgertums Anklang, bedienten diese doch das Bedürfnis nach Spiritualität und einem geordneten Weltbild.

In diesem Kontext ist auch der Klarismus einzuordnen – dazu gehört allerdings auch die Befreiung des «Eigenwesens» von traditionellen sexuellen Kontexten. Der Klarismus war eine neue Philosophie und eine pseudo-religiöse Bewegung. Aus heutiger Sicht auch ein frühes Zeugnis der Befreiung des Individuums von gesellschaftlichen Zwängen, eine soziale Bewegung auf dem Pfad hin zu den Bürger­rechts­bewegungen nach 1968.

Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer verfassten dazu zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen, Gedichte, «Hymnen der Heiligen Burg» (Credo des Klarismus) und ein neues Weltbild «Die Zukunft der Natur».

 
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Das malerische Werk von Elisàr von Kupffer

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«Die Klarwelt der Seligen» ist das Hauptwerk des Malers Elisàr von Kupffer. Es zeigt die jenseitige «Klarwelt» – das homoerotisches Paradies – der Gegensatz zur diesseitigen «Wirrwelt». Salopp gesagt ein «Schwules Nirwana», obwohl Elisàr von Kupffer später in seinen Schriften betont, die nackten Figuren könne man als weiblich oder männlich sehen, sie seien «Eigenwesen», was etwa dem heutigen Verständnis von «non-binär» entspricht.

Kurt Tucholsky schreibt dazu in «Schloss Gripsholm» zu seinem Besuch im «Polysandrion»: «… Er kann also nicht malen, malt aber doch – und zwar malt er immerzu dasselbe, seine Jugendträume: Jünglinge … und vor allem Schmetter­linge. …» Weiter im Text bezeichnet er die Figuren als «blutärmlich».

Neben dem Rundbild hat Elisàr von Kupffer rund fünfzig Gemälde geschaffen, diese sind Zeugnisse eines grossen kompositorischen Geschicks und verschlüsselter, vielfach noch zu enträtselnder homoerotischer oder religiöser Thematik. Fehlen tut diesen Bilder die Emotion im Pinselstrich, blutleer sind sie, könnte man sagen – haben für den Betrachter trotz der speziellen Thematik und Komposition einen sterilen, emotionslosen Klang

 
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Das literarisch-philosophische Werk von Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer

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Elisàr von Kupffer betätigte sich schon in Kindesjahren lite­ra­risch. Mit neun Jahren verfasste er das Drama «Don Irsino». Nach seiner Studienzeit an deutschen Hochschulen folgen zwischen 1895 und 1900 diverse Lyrikbände, Dramen und Novellen.

Eduard von Mayer doktorierte 1897 mit einer in Buchform erschienen Abhandlung zu «Schopenhauers Ästhetik und ihr Verhältnis zu den ästhetischen Lehren Kants und Schellings».

Seit 1900 findet sich ein umfangreiches literarisches Werk beider Männer. Besonders bemerkenswert ist die erste schwule Anthologie «Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur». Die späteren Werke dienen der Dar­stellung und Verbreitung des Klarismus. Diese Werke lesen sich als religiös motivierte, naturwissenschaftliche Abhandlungen.

Die in der Mehrheit im (Eigen)-Verlag der Klaristen erschienenen Werke zeugen von einer klaren Sichtweise auf die gesellschaftlichen Zustände zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Archiv befinden sich zusätzlich unveröffentlichte Werke, ein grosser Briefwechsel und unzählige selbstverfasste Artikel.

 
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Der fotografische Nachlass

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Im Nachlass von Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer befand sich eine grosse Fotosammlung. Diese wurde digitalisiert. Es handelt sich dabei um Fotos meist auf Karton oder in Alben montiert, darunter unzählige Cartes de Cabinet und Cartes de Visite der Familie, private Fotos von Freunden und Modellen, Werke anderer Fotografen sowie Fotografien von Kunstwerken der Antike und der italienischen Malerei, die dem Maler Elisàr von Kupffer zur Inspiration oder Vorlage dienten.

Angesichts des Verlustes des originalen Gesamtzusammenhanges im Sanctuarium Artis Elisarion und der originalen Einrichtung kommt dem fotografischen Nachlass eine Schlüsselrolle zu, denn nur die Fotografien der Innen- und Aussenansichten des Elisarion belegen den Kontrast von dunkler Wirrwelt und heller Klarwelt. Der Besucher der «Heiligen Burg» des Klarismus sollte den Übertritt vom Dunklen ins Helle als seine Läuterung vom Diesseits erfahren.

 
Elisàr von Kupffer
Eduard von Mayer
Biografien
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Die Biografien von Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer

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Geboren 1872 und 1873 im russischen Zarenreich entstammten beide aus traditionsreichen, deutschstämmigen Adels­geschlech­tern. Familien, die trotz den Bemühungen des russischen Staates für eine Russifizierung die deutsche Kultur pflegten. Kennen gelernt haben sich die Beiden am 15. August 1891 im Garten der Villa der Kupffers.

Die Familie von Mayer zog 1994 nach Lausanne am Lac Léman in der Schweiz. Beide studierten an deutschen Universitäten. Eduard von Mayer schloss sein Studium ab mit einer Dissertation an der Universität Halle über «Schopenhauers Ästhetik und ihr Verhältnis zu den ästhetischen Lehren Kants und Schellings».

Elisàr von Kupffer begann sein Studium in orientalischen Sprachen in St. Petersburg, welches er aber abbrach. Danach folgten Studien in Geschichte und Philosophie an deutschen Universitäten, später in Malerei an der Berliner Kunstakademie.

Um 1900 waren beide in Berlin, wo sie sich aktiv in der damaligen Schwulenbewegung engagierten. Dann ziehen die beiden Männer nach Florenz, wo sie bis 1915 lebten. Wegen zunehmender Deutschfeindlichkeit in Italien, nehmen sie dann in Muralto bei Locarno Wohnsitz, erwerben das Schweizer Bürgerrecht und erbauen sich das Sanctuarium Artis Elisarion in Minusio.

 
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Aktuell – Kommentare – Essays

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Mit dem ganzen Geschlechter-Diskurs von heute ist das Werk von Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer hochaktuell. Sie können als Väter dieses Diskurses gesehen werden. Unzählige Publikationen nehmen Bezug auf das Werk der beiden.

Wir möchten an dieser Stelle ein lebendiges Forum sein für die aktuellen Diskussionen und Betrachtungen.

 
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Der Verein Pro Elisarion
zur Erhaltung des künstlerischen Nachlasses von Elisarion

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Die Vereinsgründung im Jahre 2008 erfolgte im Andenken an Harald Szeemann, dem das Werk Elisàr von Kupffers, genannt Elisarion, im Zusammenhang mit seiner Erforschung des Monte Verità wichtig war, und dem zu verdanken ist, dass das Hauptwerk, das Rundgemälde die «Klarwelt der Seligen» der Nachwelt erhalten geblieben ist.

2008 erschien auch eine umfassenden Würdigung des Werkes Elisàr von Kupffers durch den Kunsthistoriker Fabio Ricci. Dies gab dem Rundbild die notwendige kunsthistorische Anerkennung.

Das Rundbild war zu diesem Zeitpunkt in einem prekären, zerfallendem Zustand im unklimatisierten Pavillon auf dem Monte Verità ausgestellt. Es bedurfte dringend der Restaurierung. Infolge der Instandstellung und Restaurierung des Monte Verità-Museum, der Casa Anatta, konnte auch die Instandstellung der «Klarwelt der Seligen» möglich gemacht werden. Das Rundbild ist in seiner Aura seit 2022 wieder erlebbar wie einst im «Sanctuarium Artis Elisarion» in Minusio.

 
Botschaften für ein neues Weltbild
 
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Harald Szeemann und der Monte Verità

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Die Schweiz besitzt ein einzigartiges Zeugnis des geistigen Aufbruchs in die Moderne: Den Monte Verità oberhalb von Ascona. 1900 wurde hier eine «vegetabile Cooperative» gegründet.

Der Ort entwickelte sich rasch zu einer exklusiven Heilstätte für die damals weit verbreiteten Zivilisationskrankheiten in den wohl­ha­benden Schichten. Therapie war (nackt) Sonnebaden, vegetarisches Essen und Bewegung im Freien, darunter auch Tanz unter Anleitung.

In den 20er Jahren erwarb der deutsche Baron Eduard von Heydt das Anwesen. Als Kurhaus und Hotel lies er das heute noch bestehende Hotel und Kongresshaus errichten. In den Nachkriegsjahren ging die Strahlkraft des Berges verloren. Baron von Heydt vermachte das Anwesen testamentarisch dem Kanton Tessin, in dessen Besitz der Monte Verità seit 1964 ist.

Harald Szeemann, der geniale Schweizer Kurator und Ausstellungs­macher, rettete den Monte Verità vor dem Verschwinden im Bewusstsein der nachfolgenden Gene­ra­tio­nen. Seine grosse Ausstellung 1978 «Le Mammelle della verità» zeigte die bedeutenden historischen Ent­wick­lun­gen, welche im Locarnese ihren Anfang nahmen.